Peter Münster
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Der letzte Soldat

Ich bins, der letzte Soldat. Bin zu Fuß gegangen. Komm ich zu spät? Hab noch schnell einen Krieg verloren, und den Umweg über den Tod genommen, bin als letzter gefallen. Dann noch das Feld geräumt- von Schutt und Asche, hab Erde verbrannt, und das Blut getrocknet, die Friedenstauben begraben und wilde Blumen gepflanzt. Hab den Himmel für euch neu bestellt- aber jetzt, jetzt bin ich wieder da, hab euch eingeholt, nach Haus geholt- bin müde, lebensmüde, todmüde.

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Winterbeginn

Jetzt sitzen sie wieder auf den Nebelbänken in den Parks dieser Welt, den Hutrand blutig eingewachsen in die Stirn. Die Dichter und Denker aus den selbstgeschriebenen Büchern, haben sich erschöpft im wilden Sommerwahn- gefallen aus Atemzügen- dumpf ins Wintergras- nehmen Platz, jeder eine Zeit entfernt. Abends bricht der Mond den schwachen Tag, die Nacht hält Wache, der Herzschlag-einmal die Stunde- im Einschussloch brennt noch ewig das Licht. Und morgens hängt ein Totenhemd im Wind.

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Wer steht dort am Horizont? Ich bins nicht! Vielleicht morgen?


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Papstlied

Hinter den Mauern türmt sich das Blut zur Krone. Ein dunkler Jagdmann in Hermelin. Am Tag des Herrn im weißen Masturbantenkleid, bis die Lämmer zu den Kreuzen kriechen. Eine Ratte gräbt sich ins Katzengesicht und grinst, mit einem Kranz aus Rosen fällt der Heilige Geist ins Abendmahl, die Hände im Kindernest.

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Und später fällt der Abend in die Nacht, und am Rande des Wahnsinns sind wieder Plätze frei.


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Winterabschied

Die Stimmen am Rand des Tages, langsam trocknet das Hundefell. Dort war noch etwas vom Schnee.

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Ich habe den Tag in ein Zimmer gesperrt, und ihn vor den Spiegel der Zeit gezerrt.

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Winter

Der kranke Wintermorgen frisst sich kalt ins graue Gras. Aus dem Bauch des Kopfes tropft die Traumgeburt, und im Polstergebirge verliert sich die Spur. Toter Vogel, bald toter Tag. Der Winter schneit sich ein.

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Der eine Schwan des anderen, miteinander im verlorenen Gleichgewicht, übers Meer und weiter.

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Mein Hitler

„dir hängt a tota Rotz aus da Nosn...“ hörte ich mich sagen. Hitler blieb stehen, sah mich an, öffnete seinen Mund, aß zuerst die Ratte und dann sich selbst.


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Sei lieb zu dir sonst bins ich.

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Muttertagsgedicht (für Floristen)

Endlich fand ich eine tote Mutter, vom Messer im Stich gelassen, fiel sie aus der Nacht ins Morgengrauen, lag quer über dem Weg, parallel zur Sonne, aus dem Mund wuchs stummes Gras und die Seele hat sich aus den Augen verloren.

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Ich

Ich bin der, den ich brauche, um der zu werden, der ich bin.


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Im Wirtshaus

Dort drüben sitzt der sinnlose Franz

Würgt seine Hände am Glas

Und lallt vom betrunkenen Fisch.

Er schießt sich bunte Löcher ins Herz

Und pfeift ein Lied für den toten Freund.

Dem ist sein Hirn im Blut ertrunken

Bei der Nachtfahrt gegen die Wand.

Jetzt nur mehr der sinnlose Franz, sitzt neben sich

Und sucht den lachenden Dritten.

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Kärnten, das Land der missglückten Frisuren.

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Sonntag

Sonntags in den Dörfern herrscht Ruhe und Frieden in den Schlachthallen und in den Kirchen knien die Schlächter. Sonntags in den Dörfern.

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Weniger ist mehr. Das heißt, nichts ist alles! Alles ist nichts?

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Die Krokodillederschuhe fressen sich den Marmorgang entlang, fressen sich nach Hause ins Paradies.

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Mein Mord zum Selbst

Ich lag noch im dunklen Katzengras, als der Selbstmord kam. Er ritt auf schwarzen Träumen übers Land, und flocht Seile in den Himmel. Und als die Wolken brachen verflog sich mein Selbst.


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Wenn der Wahn den Sinn verliert, und der Sinn im Wahn sich irrt, dann ist es Zeit.

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Der Voyeur im Rampenlicht sieht den Exhibitionist im Dunkel nicht.


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Nordwind- mit silbernen Fäden übers Meer gezogen. In toten Winkeln das Leben gedreht und das Gras der Angst gemäht. Im Liegen das Stehen gelernt. Die Hände tanzen, was die Sprache nicht kann, der halbe Schritt zu schnell für die Angst- die dünn sich häutet. Das Schlanksein, die blaue Wunde springt über Felder aus Mohn. Im Leder schützt sich der Traum vom Glück. Zur festen Größe des Sommers,bis der Vorhang fällt, dann hallt noch im Herz die Trommel des Engels und es wächst die Perle aus Mutt.


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Auf ein Wort

Das Wort brach sich aus dem Mund, fiel ins Gehörte, spricht sich in der Welt herum, gedacht, gespürt, versteckt sich im Satz. Erlebt sich im Mensch, wird laut im Leisesein, gewinnt an Schwere mit der Zeit- kann sein ein Zeitwort in gedachten Räumen- ist Wirklichkeit.

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Sonntag

Die Geigen spielen den traurigen Sonntag, in der engen Welt der Angst fällt das Leben schwer, zurück. Der Atem hält an, wenn aus den Falten des Himmels ein toter Engel schwebt und der nächste Tag.

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Frühling

Andiesen zarten Frühlingsnachmitten beginnen die Leichen in meinem Garten wieder zu blühen.

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Die Abendandacht der linkshändigen Pianistin- in stillen Klangräumen und beidhändig.

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An die weiße Wand gelehnt, längst ein Teil von ihr, das Rückrad gehäutet, liegt bloß und wurzelt im Wort. Täglich der nächtliche Freitod. Ein Katzensprung in die Wunde aus feuchtem Gold, einen leisen Schrei vom Himmel entfernt. Auch diesen Tod gestorben, die schmale Hand schläft in der Schlangenhaut, der Atem ein müder Schlagabtausch. Die Landschaft ohne Farbe, nur die blaue Stunde ritzt Sätze in dieHaut. Der Tod kommt mit der Zeit, zu schnell- bald – atemlos hängt das matte Flügelpaar. Die tätowierte Haut über den Himmel gespannt, ein Tuch über die endlosen Nachttische der Denker. Was bleibt ist mehr als wahr und ein schwarzes Kleid aus Schmetterling- in die weiße Wand gewachsen.

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Georg Trakl

Der silberblaue Schädel schlägt gegen das Leben, bis die Augen gold und starr durch den Himmel leuchten. Statt Totgeburten türmen sich Gedichte am Horizont, wo alles beginnt, wenn es endet. Der Kurzbesuch vom grauen Blues schwarz gelebt.

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Ostermontagmorgen

Der Blutriss läuft übers Land. Aus ihm bricht das neue, helle Grün, der junge Tod getarnt im Frühlingskleid vom vorigen Jahr.

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Der Unsichtbare traut sich aus seinem Versteck.

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Jetzt ist immer, immer ist jetzt.

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Ich bin wie ich bin, ich bin ein Gewinn.

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Leg jetzt eine Spur in die Zeit, denn jetzt ist bereits Vergangenheit.

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Der Fortschritt geht vorbei.

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Mein Freund Ich.

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Kindeserinnerung

Damals im toten Raum der Stoß ins fahle Aug des Mondes tropft der Traum ins feuchte Bett und der Knochenzwerg aus Luft und Haut am Sprung zur nächsten Angst.

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Geburtstag

Getarnt im Schwanenflug brach ich den weißen Flügel des Winters. Das war im März 1951, dabei sah ich die Narren des Himmels, jeder einer von uns- zum Abflug bereit.


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Der Tod hält den Atem an

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Das Leben liegt erschöpft im Garten. Der Tod hat Zeit, er kann warten. Doch plötzlich, und so kommt es eben, nimmt sich der Tod sein eigenes Leben.

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Erwachen

Der gestrige Tod riecht heute noch. In den dämmrigen Abendgasse blühen dunkelbunte Blumen. In den Wäldern hocken Großväter gewachsen aus toten Birken. In ihren Schädeln wohnen weiße Schmetterlinge, die an zarten Frühlingstagen die goldene Wärme sammeln.

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Die Trinker

Noch bellt der Tod seine Hunde zurück- sie dösen im schwarzen Gras, gespannt zum nächsten Sprung. Noch schluckt die Nacht wilde Tiere, die Trinker haben wieder das Sagen. Es wächst ein dunkelblauer Schwan aus Gold, im Knopfloch die Blaublutblume. Noch herrscht am Stammtisch der Narren Mut. Das gemeinsame ist es, was trennt, jeder eine kleine Welt entfernt, und in binden Spiegeln trägt die Wirklichkeit das falsche Kleid. Jetzt liegen wir in toten Betten, in den Augen das Blut der letzten Angst. Im Magen wächst ein Tier. Im Hals die rote Amsel. Selbst der Morgenflug des Schmetterlings ist laut. Längst ist der Tod gegangen mit der Nacht, abgetaucht in russische Seelen. Die Hunde dösen im schwarzen Gras, gespannt zum letzten Sprung. Sie suchen einen neuen Herrn

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Da war der Herbst, da ist der Frühling, dazwischen war dein Tod.

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Am Morgen hocken die Trinker am Fuße der Weinberge. Tagsüber kippen sie langsam zurück und erkennen sich nachts im toten Meer wieder.

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Die Wachsamkeit der Hundeohren dreht sich nach außen. Dort bluten sie Gedenksteine an die Ränder der Erfolgsstraßen.


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Die Trinker

Wenn die Haut des Himmels platzt, springen schwarze Hunde aus dem Regen und die Unendlichkeit ist endlich ein Kreis.

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Die Frisur des Schlächters ist Blut. Die Augen sind keine. Die Lippen aus Chrom, die Kiefer aus Stahl. Wir müssen ihn lieben, wir haben keine Wahl.

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Ich fühle dich in der Stille der Stille auch wenn dich ein Flugzeug durchbohrt.

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Sie balancieren so lang auf ihrem Schatten, bis sie das Gleichgewicht verlieren.



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